Die Geschichte des Kurorts
Entdeckung
Die Geschichte des Kur- und Badeortes Lippspringe erinnert in ihren Anfängen an eine meisterhafte Sage: Wir schreiben den 22. Juni 1832, den nach übereinstimmender Meinung der Lokalhistoriker eigentlichen Geburtstag des späteren Heilbades. Bürgermeister in dieser Zeit ist Franz Casimir Diwel. Er berichtet in einem Nachtrag zu diesem Datum von einer sonderbaren Begebenheit. Zwei Frauen hatten kurz zuvor in Nähe der Lippequelle ein sprudelndes Wasser entdeckt, das „Blasen bildend und von rötlicher Farbe“ war und dazu noch eine höhere Temperatur als das Wasser der Lippe aufwies. Nähere wissenschaftliche Untersuchungen folgten. Das Ergebnis: Bei dem rötlich eisenhaltigen Wasser handelte es sich um eine Calcium-Sulfat-Hydrogen-Carbonat-Therme mit einer Temperatur von 20,5 Grad Celsius und einer Schüttung von 360 l/ Min..
Kur- und Badebetrieb
Bereits wenige Monate später nimmt der Kur- und Badebetrieb seinen Anfang. Da immer mehr Gäste von außerhalb die Quelle aufsuchten, errichtete der Kupferschmied Wilhelm Fischer 1833 mit behördlicher Genehmigung ein kleines Badehaus mit zunächst zwei Badekabinen. Eine zukunftsweisende Entscheidung. Der weiteren Ortschronik zufolge besuchten allein 253 auswärtige Gäste zwischen Juli und September 1838 Lippspringe und seine Quelle.
Aber die Stadt war arm, und im Gemeinderat damals herrschten Neid und Zwietracht. So kam es, dass die Quelle samt dazugehöriger Parzelle 1839 an den ehemaligen Stadtsekretär Wilhelm Tilly „erb- und eigenthümlich“ überlassen wurde. Bereits zwei Jahre später folgte ein weiterer Besitzerwechsel. Mit Hermann Hesse (Kaufmann) und Egon Risse (Premierleutnant) übernahmen zwei ortsfremde, aber ebenso weitsichtige Männer die Verantwortung. Die Brunnenanlage wurde unter ihrer Regie komplett modernisiert und gleichzeitig ein etwa 4 ha großer Kurpark im Stil eines englischen Landschaftsgartens angelegt. Für dessen Gestaltung konnte der renommierte Paderborner Kunstgärtner Nölting gewonnen werden. Seine Planungen wurden möglicherweise durch den berühmten preußischen Gartenbaudirektor Peter Josef Lenné beeinflusst.
Arminiusquelle
Für öffentliches Aufsehen nicht nur in der wissenschaftlichen Fachwelt sorgte die 1841 erschienene Abhandlung „Über die Heilwirkungen der Arminiusquelle in Lippspringe“. Verfasser war der angesehene Kreisphysikus Dr. Philipp Anton Pieper - der Mann, dem die Quelle ihren bis heute gültigen Namen verdankt. Er erinnerte damit an den legendären Cheruskerfürst Arminius.
Bad für Lungenkrankheiten
1843 hatten die Lippspringer allen Grund zu feiern. Der mit großen Hoffungen und Erwartungen begleitete Bau des Kurhauses am Rande des neuen Kurparks wurde endlich fertiggestellt. Der hervorragende Ruf Lippspringes als Bad für Lungenkrankheiten sollte sich in der Folgezeit weiter festigen. Auch die rege Bautätigkeit riss nicht ab. Mehrere neue Logierhäuser entstanden, ebenso ein zweites Kurhaus (1855) auf einer Randhöhe des Arminiusparks. Dieses neue Kurhaus erhielt den Namen „Prinzenpalais“, da hier der damalige Herzog Adolf von Nassau, der spätere Großherzog von Luxemburg, mehrfach Quartier bezog; vor allem, wenn er an den herbstlichen Parforcejagden in der Senne teilnahm.
Tuberkulose Bazillus
Die erste Blütezeit des Bades endete abrupt – etwa um das Jahr 1885. Der Berliner Arzt Robert Koch hatte kurz zuvor den Tuberkulose Bazillus entdeckt und wies damit nach, dass diese Lungenkrankheit ansteckend und nicht – wie bisher angenommen – erblich war. Augenblicklich blieben alle nicht-lungenkranken Gäste fern, denn niemand wollte sich ohne Not der Ansteckungsgefahr in Lippspringe aussetzen.
Der „Kurort der feinen Leute“
In dieser Situation kam dem existenziell bedrohten Kur- und Badeort die Gründung der Sozialversicherungen in den 80-er Jahren durch Reichskanzler Otto von Bismarck zugute. Bereits 1896 sandte die Landesversicherungsanstalt Westfalen denn auch die ersten 67 Tuberkulose-Patienten nach Lippspringe. Der „Kurort der feinen Leute“ entwickelte sich so langsam zum „Kassenbad“. Den offiziellen Titel „Bad“ erhielt Lippspringe übrigens erst 1913.
Neue Behandlungseinrichtungen
Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden zahlreiche medizinische Einrichtungen. Zunächst wurde das Auguste-Viktoria-Stift als Lungenheilstätte gebaut, es folgten das Marienstift (1906) sowie das Kinderkrankenhaus Cecilienstift (1908). Schon vorher, im Jahre 1903, war das katholische St. Josefs-Krankenhaus eröffnet worden, dem 1917 die Einweihung des evangelischen Krankenhauses Martinsstift folgte. Etwa um 1925 schließlich entstand direkt am Sennerand das „Lungenerholungsheim für kranke Schwestern“. Der dem Orden der Vincentinerinnen gehörende Gebäudekomplex erhielt dann den Namen „Krankenhaus Heiliger Geist“. Bis auf das Marienstift bestehen alle genannten Einrichtungen noch heute. Sie wurden über die Jahrzehnte wiederholt modernisiert, teilweise erheblich vergrößert. Und auch die ursprüngliche Aufgabenstellung hat sich nicht selten erheblich verändert.
Stetig steigende Patientenzahlen
Die Geschichte des Kur- und Badeortes und die Geschichte ihrer Quellen blieben über viele Jahrzehnte untrennbar miteinander verbunden. Stetig steigende Patientenzahlen machten um 1900 die Suche nach neuen Heilquellen erforderlich. Und das mit Erfolg: Ab 1902 wurde die „Liborius-Quelle“ in der Lange Straße in den örtlichen Kurbetrieb mit einbezogen. Der langjährige Besitzer Sylvester Hecker erwies sich als weitsichtiger Geschäftsmann und machte schon bald einen florierenden Versandhandel mit dem Lippspringer Heilwasser auf. Die 15,8 Grad warme Calcium-Natrium-Sulfat-Hydrogencarbonat-Quelle wurde unter anderem bei Stoffwechselerkrankungen empfohlen. Auch Papst Pius X., der seinerzeit an einem schweren Nierenleiden laborierte, ließ sich das Wasser der Liboriusquelle zusenden. Sylvester Hecker durfte sich nach 1913 mit dem offiziellen Titel „Päpstlicher Hoflieferant“ schmücken. Das päpstliche Wappen wurde zu einer Art Aushängeschild der 1904 erbauten Liborius-Trinkhalle. Sie befindet sich heute im Besitz der Stadt Bad Lippspringe.
In unmittelbarer Nähe der Liboriusquelle, auf dem Grundstück der Pension Wolthaus, wurde 1905/06 eine weitere neue Quelle gefasst, die später den Namen „Kurbrunnen“ erhalten sollte. Diese Quelle (Calcium-Sulfat-Hydrogencarbonat) diente als Grundlage für das „Neue Kurbad“ mit Trink- und Wandelhalle und prächtigem Konzertsaal (heute Schulzentrum). Zwischen 1905 und 1925 entwickelte sich hier ein reger Kurbetrieb, der in direkter Konkurrenz zum Arminiusbad stand. Juristische Streitigkeiten über viele Jahre waren die Folge. 1933 schließlich verlor die Kurbrunnenquelle die staatliche Anerkennung.
Kaiser-Karls-Trinkhalle
Seit 1869 ist eine weitere Quelle südwestlich der Arminiusquelle bekannt. Sie wurde 1922 neu gefasst und 1925 Zentrum der neu errichteten Kaiser-Karls-Trinkhalle in der Lange Straße. Eine lange Zukunft war ihr nicht beschieden. Nur wenige Jahre wurde das Wasser der Kaiser-Karls-Quelle ausgeschenkt, nach 1943 fiel sie weitgehend trocken. Die im neugotischen Stil gehaltene Trinkhalle entging Mitte der 80-er Jahre nur knapp dem bereits beschlossenen Abriss. Heute, nach einer grundlegenden Renovierung, dient sie der Stadt und den Vereinen als repräsentative Kulisse für besondere Feiern und Veranstaltungen. Standesamtliche Trauungen sind hier ebenfalls möglich. Inzwischen konnte auch der alte Ausschank der Trinkhalle wieder in Betrieb genommen werden.
Martinusquelle
Die jüngste der Bad Lippspringer Quellen ist die Martinusquelle, die 1962 im Kurwaldbereich nordwestlich der Stadt erbohrt wurde Die fluoridhaltige Calcium-Natrium-Sulfat-Hydrogencarbonat Therme ist mit gemessenen 27,8 Grad wohlig warm und weist eine starke Schüttung von 2.000 Liter pro Minute auf. Sie speist heute das Thermal-Freibad, das städtische Hallenbad sowie die private „Westfalen-Therme“.
Zusammenschluss der verschiedenen Badgesellschaften
Der Zweite Weltkrieg markierte eine besondere Zäsur im Leben der Kur- und Badestadt. Das britische Militär besetzte sämtliche Kureinrichtungen. In dieser schwierigen Situation entschied sich die Stadt 1951, im Nordwesten von Bad Lippspringe ein neues Kurzentrum, den Kaiser-Karls-Park zu errichten. Die ehrgeizigen Pläne wurden 1952/53 tatsächlich realisiert. Etwa zur gleichen Zeit erfolgte der Zusammenschluss der verschiedenen Badgesellschaften zur „Kurverwaltung Bad Lippspringe GmbH“. Die Stadt hielt als Haupteigentümerin 84 Prozent der Gesellschaftsanteile, die restlichen 16 Prozent der Kreis Paderborn.
Allergie- und Asthmaforschung
Neue Akzente im Kurbetrieb setzten die Allergie- und Asthmaforschung, eine balneologische Forschungsstelle (1954) und ein Institut für Aerosolforschung (1955). Nach Freigabe der Kureinrichtungen durch die britische Besatzung 1954 verfügte Bad Lippspringe über zwei Kurbereiche im Norden und Süden der Stadt: einerseits der Arminiuspark mit dem 1955 neu errichteten Kongreßhaus (Veranstaltungsort) und andererseits der Kaiser-Karls-Park, der sich mit einem neuen Kurhaus im Mittelpunkt schmücken durfte.
„Staatlich anerkanntes Heilbad“
und „Heilklimatischer Kurort“
Mitte der 50-er Jahre fiel auch der Startschuss zu einem ehrgeizigen Investitionsprogramm, das bis in die 90-er Jahre fortgesetzt wurde. Gemäß dem so genannten „Bad Lippspringer System“ machte die Kurverwaltung den Versicherungsanstalten Pauschalangebote zur Versorgung und Unterbringung der Kurpatienten, wobei große Kurheime und Pensionen ausdrücklich einbezogen wurden. Als die Versicherungsträger aber dazu übergingen, selbst Kliniken zu bauen, konnte das Bad Lippspringer System nur durch den Bau eigener Kliniken aufrecht erhalten werden. In dieser neuen Konkurrenzsituation drohte vielen privaten Beherbergungsbetrieben das Aus.
Als einziges Heilbad in Nordrhein-Westfalen besitzt Bad Lippspringe seit 1982 die herausragende Anerkennung als „Staatlich anerkanntes Heilbad“ und „Heilklimatischer Kurort“. Im Jahr 2005 wurde der Kur- und Badestadt wegen ihrer vorbildlichen Urlaubs- und Umweltstandards zusätzlich das Prädikat “Premium Class“ zuerkannt.
MZG Medizinisches Zentrum für Gesundheit
Lippspringe ist heute ein ausgesprochen leistungsfähiges Heilbad mit vielen Einrichtungen für Gesundheit und Wohlbefinden („Wellness“). Unter dem Dach des 1996 gegründeten Medizinischen Zentrums für Gesundheit (MZG / Nachfolgering der Kurverwaltung und der Kuranstalten) sind sieben Reha-Kliniken und ein Akut-Krankenhaus zusammengeschlossen. Damit zählt das MZG deutschlandweit zu den größten Anbietern für Prävention, Rehabilitation und akutmedizinische Versorgung. Die Heilanzeigen beziehen sich unter anderem auf Erkrankungen der Atemwege, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Rekonvaleszenz, Orthopädie, Geschwulsterkrankungen, Schmerztherapie und Psychosomatik. Mit aktuell 750 Mitarbeitern ist das MZG der größte Arbeitgeber am Ort.
Einsatz und Qualität zahlen sich aus: 55.000 Gäste besuchten 2007 die Kur- und Badestadt Lippspringe. Die Zahl der Übernachtungen lag bei 300.000. Beide Zahlen verdeutlichen, wie grundlegend wichtig Gesundheitsangebote und Fremdenverkehr für die wirtschaftliche Entwicklung Bad Lippspringes sind. Die meisten Kurzzeitbesucher, im Durchschnitt 1.500 am Tag, finden den Weg nach Bad Lippspringe aufgrund der 1987 eröffneten privaten „Westfalen-Therme“.
Expo-Projekt
Modellcharakter hat der im Jahre 2000 als Expo-Projekt in einen Kommunikationspark weiter entwickelte Arminiuspark. Unter Einsatz moderner Informationstechnik werden medizinische, touristische und städtebauliche Aspekte kombiniert und für den Besucher erfahrbar gemacht. Ein weiteres Expo-Projekt ist das Informations- und Dokumentationszentrum „Militär und Naturschutz auf dem Truppenübungsplatz Senne“, das im Prinzenpalais untergebracht ist.
Literatur:
Göbel, Walter / Gottesbüren, Fritz / Hagemann, Wilhelm: Kurort und Heilbad, in: Heimatverein Bad Lippspringe (Hrsg.): Lippspringe im 20. Jahrhundert, Bilder und Berichte zu einer bewegten Zeit, Bad Lippspringe 1999, S. 57 – 83.
Müller, Gerhard: Mineralquellen und Heilbäder im Paderborner Land, Heimatkundliche Schriftenreihe der Volksbank Paderborn – Ausgabe 31/2000.
Lincke, Günther: Die Geschichte des Heilbades, in: Stadt und Heimatverein Bad Lippspringe (Hrsg.): Lippspringe, Beiträge zur Geschichte, Paderborn 1995, S. 393 - 442.